Welche Trauer ist echte Trauer?
- 8. März
- 3 Min. Lesezeit

Englischer Friedhof in Münster
Der Gang über den Englischen Friedhof in Münster hat mich ergriffen. Es zeigt nicht nur ein Stück Geschichte der Zeit des zweiten Weltkrieges. Es stellt durch seine 740 weißen, einheitlichen Grabmale ein wesentliches Ausmaß von Abschiednahme dar. Die Grabmale werden noch immer gepflegt und sind mit unterschiedlichen Inschriften versehen, was jedem einzelnen Stein seine persönliche Note gibt. Individuelles inmitten einer großen Masse. Das erzeugt für mich ein wertvolles Gesamtbild.
Das "Münster Heath War Cemetary" ist ein Friedhof im Waldfriedhof Lauheide bei Münster. Durch seine andere Art der Grabmalaufreihung und -darstellung zeigt er, dass Trauer und Abschiednahme unterschiedliche Gesichter hat und jedes Mal einen anderen wichtigen Ort schaffen kann.
Das brachte mich zu den Fragen:
Wann trauern wir eigentlich? Und ist Trauer immer das, was kommt, wenn wir einen Menschen oder ein Tier verloren haben oder erleben wir Trauer auch noch zu anderen Zeiten?
Welche Trauer ist echte Trauer? Ist nicht jede Form des Abschieds ein Trauerprozess? Welche Anlässe erzeugen in uns ein Gefühl der Trauer oder Traurigkeit?
Welche Abschiede oder Ereignisse fallen Euch im Zusammenhang mit Trauer ein?
Ich habe für mich eine Liste erstellt von Ereignissen, an denen ich traurig war und auch durch eine jeweils andere Art des Trauerprozesses gegangen bin. Einige Ereignisse sind noch nicht eingetreten, werden es aber vielleicht irgendwann mal.
Trennung vom Partner
Bruch einer Freundschaft
Auszug der Kinder
Umzug von mir selbst oder einer mir nahe stehenden Person
Jobwechsel
Freunde trennen sich
Krankheit von einem selbst oder von anderen
Hochzeit der Kinder
in Rente gehen
Zeit nach einer langen Reise
Zusammenziehen mit dem Partner, Abschied von der eigenen Wohnung
Dinge loslassen
Abschied von Träumen
In Vorbereitung auf meine Tätigkeit als Trauerrednerin sind mir diese Momente wieder ins Gedächtnis gekommen, und so reflektiere ich sie heute ganz anders.
Veränderungen dieser oder auch anderer Art treten immer wieder in unser Leben. Das ist eine Tatsache. Die Gefühlswelt, die damit einhergeht, ist aber eine andere Dimension. Eine, die schwerer zu greifen und manchmal auch anderen schwerer erklärbar ist.
Als einige dieser Ereignisse in mein Leben kamen, konnte ich erst nicht genau identifizieren, dass es sich um einen Trauerprozess handelte. Ich merkte nur, dass ich mich traurig fühlte und fragte mich manchmal, ob das jetzt richtig ist. Eine Veränderung bringt oft auch traurige Gedanken mit sich. Und diese zuzulassen ist auch ein wichtiger Prozess. Ich habe für mich verstanden, dass es auf jeden Fall echte Trauer ist, wenn man sich von einem Job und damit von geliebten Menschen verabschieden muss. Man orientiert sich neu und mit der Akzeptanz der Trauer ist auch immer mehr Raum für Vorfreude auf zukünftige Erlebnisse.
Der Abschied von geliebten Menschen muss nicht immer durch den Tod erfolgen. Auch ein Auszug der Kinder aus dem elterlichen Nest oder ein Umzug eines guten Freundes können traurige Gefühle hervorrufen, weil diese Veränderung erst einmal einen Abschied vom Gewohnten mit sich bringt. Erst mit der Zeit merkt man, dass dieser veränderte Lebensumstand auch Chancen hervorruft. Wie schön ist es doch, Freunde in der Ferne zu besuchen und dann gleich ein paar Tage miteinander zu sein. So eine intensive Zeit hatten wir früher nie.
Sich von Träumen zu verabschieden, kann sehr schmerzhaft sein, weil man es schon so lange in seinen Gedanken hatte. Dafür hat man eventuell Wege übersehen, die nun plötzlich auftun.
Immer wieder merke ich, dass es verschiedene Sichtweisen auf ein Ereignis geben kann. Ob wir offen für diese Sichtweisen sind, können wir selbst entscheiden. Und am Ende ist es auch unsere Entscheidung, ob wir die Trauer als Feind ansehen oder sie einfach als Wegbegleiter annehmen, der uns auf diesem Stück unserer Lebensentwicklung begleiten darf. In unserer Gefühlswelt gibt es keine Ausschließlichkeit, da dürfen viele Gefühle ihren Platz haben.




Kommentare