Wie verläuft ein Trauergespräch?
- Nina Jahn

- 12. Jan.
- 5 Min. Lesezeit

Wenn ein geliebter Mensch verstorben ist, muss man plötzlich so viele Dinge organisieren und entscheiden, und das alles neben der Trauer.
Schaffe ich das alles oder ist mir das zu viel?
Der Bestatter hilft einem bei den organisatorischen Dingen der Beerdigung, aber es gibt ja noch so viel anderes zu entscheiden. Wie und wann soll ich das alles machen?
Bei der Abschiedszeremonie möchten viele eine persönliche Rede hören. Eine Rede, die den Menschen zeigt, wie er in vielen Facetten war, welche besonderen Erlebnisse man zusammen hatte und was die Beziehung ausgemacht hat.
Als Freie Rednerin mache ich genau das. Da ich den verstorbenen Menschen aber in den wenigsten Fällen persönlich kenne oder manchmal auch nur ein paar Ausschnitte aus dem Leben, ist das Trauergespräch -oder auch Lebensgespräch- so wichtig.
Vor dem Trauergespräch sind die Familien oft verunsichert, was auf sie zukommt.
Wird das Gespräch sie noch trauriger machen, wenn sie alles erzählen?
Oder können sie überhaupt darüber reden?
Welche Fragen werden gestellt?
Und wie soll jemand das dann in einer Rede zusammenfassen?
Werde ich an alles denken, wenn wir zusammensitzen oder vergesse ich vielleicht was Wichtiges? Kann ich im Nachhinein noch was ändern?
Darf ich als Angehöriger auch selber was sagen, wenn ich mich traue?
Und was, wenn ich es doch nicht schaffe?

Ich nehme mir Zeit, gebe den Angehörigen Ruhe und gebe keinen bestimmten Ablauf vor.
Zunächst einmal ist es gut, das Gespräch in einer entspannten und vertrauten Atmosphäre zu führen.
Ein Café kann für manche gut sein, die es gerade zuhause nicht so gut aushalten mit den Erinnerungen.
Oft fühlen sich die Familien aber bei sich Zuhause am sichersten und ungestörtesten.
Laufender Publikumsverkehr oder nerviges Telefongebimmel machen einen nur noch nervöser. Daher ist es wichtig, dass wir einen sicheren Raum haben, auch für den Fall dass mal Tränen fließen. Emotionen sind in diesem Fall nicht nur erlaubt, sondern auch erwünscht. Sie zeigen mir, an welcher Stelle ich mit meiner Rede ansetzen kann. Die Lebensrede wäre ohne Emotionen keine Lebensgeschichte. Fühlt man sich wohl und in vertrautem Umfeld, kommen die Erzählungen von ganz alleine. Und wenn man einmal angefangen hat zu erzählen, kann man manchmal nicht mehr aufhören. Genau das ist auch gut so. Ich lasse meine Familien zeitweise mit sich bzw. untereinander reden, höre nur zu und schreibe mit. Es ist dann ein bisschen so, als würden sie sich gegenseitig die Geschichten erzählen, und ich bin nur stiller Zuhörer. In genau diesen Momenten kommen oft die schönsten Anekdoten zu Tage und ich sammele die spannendsten Zitate. Diese Worte später in der Rede wiederzuhören, ist für viele ein Erlebnis, dass sie nicht erwartet hatten.
Welche Fragen werden gestellt?
Oft beginnen wir mit der organisatorischen Durchsprache der Zeremonie, da solche sachlichen Themen für den Einstieg leichter sind. Ich frage, welche Lieder sich die Familie ausgesucht hat und wann sie diese hören möchten. Ich frage, wer am Tag der Trauerfeier da sein wird und ob kleine Kinder kommen. Der zeitliche Rahmen ist vielleicht eng gesteckt aufgrund einer angemieteten Örtlichkeit, so dass wir pünktlich beginnen und enden müssen. Gibt es Rituale, die gewünscht sind?
Wenn wir zur Lebensgeschichte kommen, warte ich erst einmal ab, womit die Familie beginnen möchte. Oft haben sie sich schon Themen zurecht gelegt und dann ist es gut, wenn sie diese erst einmal loswerden können. Für mich und meine Rede spielt die Reihenfolge der Erzählungen keine Rolle. Ich sortiere mir die Themen im Nachgang und arrangiere die Abfolge nicht immer chronologisch.
Ich habe eine Sammlung an Fragen zu Hobbies, zu Reisen, zu Tieren, zu Familienverhältnissen, zu besonderen Momenten im Leben, manchmal auch traurigen oder schwierigen Ereignissen, Fragen zum Charakter, zu kleinen Macken und Ticks, zu Dingen, die den Menschen unverwechselbar machen. Viele Fragen ergeben sich aber auch im Kontext Eurer Erzählungen.
Und wie soll jemand das alles in einer Rede zusammenfassen?
Ich frage viele Details ab, weil Details eine Geschichte lebendiger machen. Es kann aber sein, dass nicht jedes Detail oder jede Erzählung in der letztendlichen Rede einen Platz findet. Die meisten Lebensreden dauern 10-15 Minuten, das Gespräch dazu ca. 1,5 - 2 Stunden. Manchmal bekomme ich sehr viele Aspekte in der Zeit erzählt, so dass man es gut zusammenpasst. Manchmal werden aber auch Aspekte mehrfach wiederholt und unterscheiden sich kaum, dann macht eine Erwähnung keinen Sinn, weil es ähnlich bereits erwähnt wurde. Eine Rede soll nicht alles, sondern Prägnantes über den Menschen erzählen.
Werde ich an alles denken, wenn wir zusammensitzen oder vergesse ich vielleicht was Wichtiges?
Eventuell kommt einem im Nachgang noch der eine oder andere Gedanke, den man gerne geteilt hätte. Dann telefonieren wir einfach und ich finde noch einen Platz dafür in der Rede.
Kann ich im Nachhinein noch was ändern?
Wenn man plötzlich doch nicht möchte, dass die oder andere Erzählung erwähnt wird, kann ich diese auch kurzfristig streichen.
Ich schreibe meine Reden als Fließtext, aber wenn ich dann spreche, gebe ich es nicht wortwörtlich wieder. Anpassungen sind daher kein Problem für mich.
Darf ich als Angehöriger auch selber was sagen, wenn ich mich traue? Und wie ist das, wenn ich es doch nicht schaffe?
Auf jeden Fall dürft Ihr etwas sagen. Wir besprechen vorab, wann der beste Zeitpunkt für Euren Beitrag ist. Am besten schreibt Ihr den Text auf und sendet ihn mir vorab. Ich drucke ihn mir aus und bringe ihn für mich mit.
Solltet Ihr Euch im Anflug der Emotionen doch nicht in der Lage sehen, selbst zu sprechen, kann ich spontan für Euch einspringen. Eure formulierten Worte finden so auf jeden Fall einen Raum für den geliebten Menschen und werden von der Familie und den Freunden gehört.
Für mich ist es immer wieder ein bewegender Moment, wenn die Familien mir nach dem Gespräch gegenüberstehen und sich für das unerwartete Gespräch bedanken:
"Ich hatte Angst vorm Gespräch. Die haben Sie mir genommen."
"Mir war echt mulmig vorm Gespräch. Und jetzt haben wir hier 1,5 Stunden gesessen und so viel gelacht. Das hatte ich nicht erwartet."
"Wir haben uns sehr wohl gefühlt und glauben, dass Sie die Rede super umsetzen."
Es hört sich vielleicht komisch an, aber ich gehe immer mit einem guten Gefühl zu meinen Gesprächen. Ich bin gespannt auf die Geschichten und was ich über den Menschen erfahren werde. Meist habe ich schon im Gespräch Ideen für emotionale Formulierungen in der Rede. Nach dem Schreiben der Lebensrede hoffe ich natürlich, dass es für die Familien ein Trost und eine besondere Erfahrung ist, das Leben ihrer oder ihres Liebsten noch einmal in meinen Worten zu hören.
Die Familien bringen mir ein großes Vertrauen entgegen, indem sie mich in ihre Leben lassen.




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